SDNN und RMSSD: der Unterschied bei HRV
SDNN und RMSSD sind zwei Rechenwege für dieselbe Sache: die Schwankung im Abstand zwischen deinen Herzschlägen. SDNN ist die Standardabweichung aller Schlagabstände innerhalb eines Messfensters. RMSSD ist das quadratische Mittel der Differenzen zwischen jeweils aufeinanderfolgenden Abständen. Apple Health gibt HRV als SDNN aus – der Datentyp in Apples Schnittstelle heißt wörtlich so. Praktisch heißt das: Ein SDNN-Wert und ein RMSSD-Wert derselben Nacht sind zwei verschiedene Zahlen, und es gibt keinen Faktor, mit dem du die eine in die andere umrechnest.
Was SDNN und RMSSD jeweils berechnen
Beide starten bei derselben Rohgröße: der Zeit zwischen zwei normalen Herzschlägen, in Millisekunden. Aus einer Folge dieser Abstände – etwa 900, 870, 910, 880 – kann man zwei sehr unterschiedliche Fragen beantworten.
SDNN fragt: Wie weit streuen alle Abstände in diesem Fenster um ihren eigenen Mittelwert? Die Zahl fasst damit die gesamte Schwankung im Messfenster zusammen, auch die langsame – etwa die, die mit deiner Atmung mitläuft, oder Trends über mehrere Minuten. Das hat eine wichtige Nebenwirkung: SDNN hängt an der Länge des Fensters. Über fünf Minuten fällt der Wert typischerweise anders aus als über eine Minute, weil in einem längeren Fenster mehr langsame Schwankung Platz hat.
RMSSD fragt etwas Engeres: Wie stark unterscheidet sich ein Abstand vom direkt nächsten? Dafür werden die Differenzen benachbarter Abstände gebildet, quadriert, gemittelt, und aus dem Ergebnis wird die Wurzel gezogen. Weil nur direkte Nachbarn verglichen werden, beschreibt RMSSD die kurzfristige Variation von Schlag zu Schlag und reagiert kaum auf langsame Trends. Das Quadrieren hat den Nebeneffekt, dass große Sprünge stärker durchschlagen als kleine – ein einzelner Aussetzer oder ein Messfehler fällt in RMSSD deutlicher auf.
Kurz: dieselbe zugrunde liegende Größe, zwei verschiedene Ausschnitte davon. Deshalb sind beide gebräuchlich, und deshalb sind es zwei Kennzahlen und nicht zwei Namen für eine.
Welche Kennzahl die Apple Watch ausgibt
Apple Health führt HRV als SDNN. Belegt ist das an der Stelle, an der Apps die Werte abholen: Der HealthKit-Datentyp heißt heartRateVariabilitySDNN und wird in Millisekunden geliefert. In der Health-App selbst steht nur „Herzfrequenzvariabilität" – die Kennzahl dahinter ist aber festgelegt, nicht wählbar.
Genau diesen Wert liest LeibFit, und nur diesen: Die App rechnet kein RMSSD, sie leitet auch keines her. Die Werte kommen dabei nicht als kontinuierliche Kurve, sondern als einzelne Stichproben über den Tag verteilt – was das für die Aussagekraft eines einzelnen Werts bedeutet, steht in Was die Apple Watch nachts an HRV misst.
Warum sich die Zahlen nicht ineinander umrechnen lassen
Drei Gründe stapeln sich hier übereinander:
- Andere Rechenvorschrift. SDNN misst die Streuung aller Abstände, RMSSD die Unterschiede benachbarter Abstände. Das sind verschiedene Größen, nicht verschiedene Einheiten derselben Größe.
- Anderes Verhalten beim Messfenster. SDNN wächst tendenziell mit der Fensterlänge, RMSSD kaum. Ein Umrechnungsfaktor müsste also für jede Fensterlänge ein anderer sein – und wäre damit keiner.
- Andere Messumstände. Wann gemessen wird (über den Tag verteilt oder durchgehend in der Nacht), wie ruhig du dabei liegst und wie das Signal überhaupt entsteht, geht in jeden Wert mit ein.
Deshalb sagt ein Vergleich zweier Zahlen aus zwei Systemen nichts – auch nicht „ungefähr", auch nicht mit einem Daumenwert.
Was das für einen Wechsel zwischen Systemen bedeutet
Ein Punkt, der selten irgendwo steht: Deine Score-Historie lässt sich nicht übertragen, und das liegt nicht an fehlenden Schnittstellen. Verschiedene Systeme rechnen mit verschiedenen HRV-Kennzahlen und mit verschiedenen Messfenstern, und sie verrechnen daraus jeweils ihre eigene Norm. Ein „Erholungswert 68" aus einem System bedeutet in einem anderen schlicht nichts – nicht, weil sich niemand die Mühe gemacht hätte, sondern weil die Zahl außerhalb ihrer eigenen Rechnung keine Bedeutung hat.
Eine neu begonnene Norm ist deshalb ehrlicher als eine vorgetäuschte Vergleichbarkeit. LeibFit fängt bei einem Wechsel bei null an: ab sieben Nächten mit Daten gibt es einen ersten Erholungswert, belastbar wird das 30-Tage-Fenster nach etwa einem Monat. Das ist unbequem, aber es ist die einzige Variante, in der die Zahl danach etwas bedeutet.
Was praktisch zählt: der eigene Verlauf
Für den Alltag ist die Frage „SDNN oder RMSSD?" zweitrangig. Entscheidend ist, dass ein System bei einer Kennzahl und einem Verfahren bleibt, damit dein eigener Verlauf über Wochen vergleichbar ist. Aussagekräftig ist nicht die Höhe der Zahl, sondern ihr Abstand zu dem, was bei dir in den letzten Wochen normal war – und dieser Abstand funktioniert mit SDNN genauso wie mit RMSSD, solange du nicht mitten im Zeitraum das Messverfahren wechselst. Wie dieser Wechsel praktisch aussieht, wenn zwei Geräte im Spiel sind – eine Apple Watch mit SDNN und ein Amazfit-Band mit RMSSD –, steht in Whoop-Alternative: das Amazfit-Band direkt am iPhone auslesen.
Aus demselben Grund taugen Tabellen mit „normalen HRV-Werten" wenig: Sie sagen nicht, mit welcher Kennzahl und über welches Fenster gemessen wurde, und selbst wenn sie es täten, wären die Werte zwischen zwei Menschen kaum vergleichbar. Wie aus dem Abstand zur eigenen Norm ein verwertbarer Wert wird, steht in Wie ein Erholungswert entsteht und was er aussagt.